Zum Jubiläumskonzert am 9. Dezember 2007

Musik von zwei Taufpaten

Wenn das heutige Jubiläumskonzert Werke der beiden Namenspatrone der Ensembles enthält, dann ist das weniger ein repräsentatives Programm für die letzten Jahrzehnte, sondern eher eine Hommage an die Anfänge: Im Dezember 1977 sang ein kleiner Chor (das spätere Heinrich Schütz Ensemble) in der Sollner Apostelkirche das erste Konzert einer Reihe mit sämtlichen Motetten aus der „Geistlichen Chormusik“ von Heinrich Schütz und im Oktober 1982 zum ersten Mal gemeinsam mit einem Ensemble mit historischen Instrumenten die „Marienvesper“ von Claudio Monteverdi. In jugendlichem Elan - und weil das Feld „Alte Musik“ in München brach lag, konnte ich die illustren Namen Schütz und Monteverdi beanspruchen.

Fraglos war mir nicht klar, welcher Überlebenswille in diesen Unternehmen steckte. Die 25 bzw. 30 Jahre waren bestimmt von viel Pionierarbeit auf dem Feld der Alten Musik, von Erfolgen, von Rückschlägen, offensichtlichem Unverständnis gegenüber historischer Aufführungspraxis in der „Musikstadt München“ aber auch von später Genugtuung, denn dieses mühsam beackerte Feld trägt nunmehr auch in München allerorten ansehnliche Früchte.

Auch wenn der Chor bis 1798 (Haydns „Schöpfung“) und das Orchester bis zu Mozarts „Prager Sinfonie“ (1787) vorgestoßen ist, das Zentrum war immer die Barockmusik und der Schwerpunkt lag lange Jahre auf der Musik von Johann Sebastian Bach. Mit ca. 70 Kantaten, mehrmals den Passionen und der Messe in h-moll und immer wieder dem „Hit“ Weihnachtsoratorium haben wir ein großes Pensum abgeliefert. Die letzten Jahre waren dann beherrscht von unbekannten Händel-Oratorien. Dennoch wurde nie die Musik der Namensgeber vergessen, so auch heute zum Jubiläum.

Was trennt diese beiden, Monteverdi und Schütz, was ist verbindend?

In den Psalmen verfahren sie in ganz unterschiedlicher Manier: Monteverdis konzertanter Stil dominiert seine beiden Psalmvertonungen, wobei bei „Dixit Dominus“ eine Vorliebe für bewegte Klangfächen auffällt. „Beatus vir“ hat mit den ostinaten Bässen einen popularmusik-ähnlichen Charakter. Ganz anders Schütz in reifem Alter (1662): trotz vieler konzertanter, melodisch moderner Elemente ist die Gesamtanlage orientiert an der Technik der „cori spezzatti“, die er in seiner Jugend in San Marco bei den Gabrielis kennen gelernt hatte. Meine Instrumentierung entstand im Zuge der Beschäftigung und Vorbereitung des gesamten „Opus Ultimum“ im Jahre 1986 und ist in den letzten Jahren etwas verfeinert worden.

„Es steh‘ Gott auf“, das Geistliche Konzert aus Symphoniae Sacrae II ist dagegen das Beispiel für die Verbindung der beiden Meister: Schütz zitiert Monteverdi gleich zwei Male: zunächst mit einer Verarbeitung des Sogetto aus dem Madrigas „Armato il cor“ (Madrigalbuch VIII) und am Ende mit dem Ostinato des Madrigals „Zefiro torna“ (Scherzi Musicali ) (Nachdem die „Scherzi Musicali“ erst 1632 in Druck erschienen, ist anzunehmen, dass Schütz die Ciacona „Zefiro torna“ auf seiner Italienreise 1629 bei einer persönlichen Begegnung mit dem Kapellmeister an San Marco kennenlernen konnte.) Im Vorwort des Druckes von 1647 beklagt Schütz die „wiedriegen Zeiten in unserm lieben Vaterlande“ und die damit noch verborgen gebliebene „heutige Italianische Manier .....(wodurch doch nach des scharffsinnigen[!] Herrn Claudii Monteuerdens Meynung / in der Vorrede des achten Buchs seyner Madrigal / die Music nunmehr zu ihrer entlichen Vollkommenheit gelangt seyn soll)“. Die Drucklegung seiner unter diesem Einfluss entstandenen Concerti seien durch die Wirren des 30-jährigen Krieges verhindert worden. Und weiter: Wenn er Monteverdi zitiere, solle ihn das aber nicht in Verdacht bringen, „mit frembden Federn meine Arbeit zu schmücken“

In einem repräsentativen Querschnitt der Musik des Frühbarock darf nicht die grandiose „Sonata“ aus Monteverdis Marienvesper fehlen: Das bis zu diesem Zeitpunkt umfangreichste Instrumentalstück der Musikgeschichte, das auf geniale Weise den Cantus firmus der Marienlitanei einschließt. Hier sind auf exemplarische Weise die virtuosen Fähigkeiten der Instrumentalisten dokumentiert und Monteverdi spielt genüsslich mit der damaligen Rivalität zwischen Zinken und Geigen.

Schütz’ „Geistliche Chormusik“ hat im Repertoire des Heinrich Schütz Ensemble immer eine herausragende Stellung gehabt, so soll „Die Himmel erzählen“ die wohl prächtigste Motette dieser Sammlung  heute auch hier den Kreis schließen, allerdings mit der Novität, dass an den Stellen, wo Schütz „omnes“ vorschreibt, Instrumente die Chorstimmen duplieren.

Mit der „Weihnachtshistorie“ als Abschluss gehen wir wiederum in das Spätwerk des sächsischen Kapellmeisters. Sie entstand vor 1664, dem Datum ihrer Drucklegung. Hier findet man stilbildende Vorbilder für alle späteren protestantischen Oratorienkompositionen: der typische „Style Recitativo“ des Evangelisten, den Turbachor der Engel, dagegen aber auch noch den konzertanten Charakter in den Intermedien. Programmatisch zeigt sich Schütz in der Auswahl der mit-konzertierenden Instrumente: die zarten „Violette“ in der Begleitung des Engels, die Flöten bei den Hirten, die Posau-nen mit den vier Bässen der Hohenpriester, schließlich die Zinken (eigentlich Clarinen) als Machtparaphernalie des Herodes.

Persönlich hatte ich in jüngeren Jahren immer etwas Vorbehalte gegen dieses Werk. Es konnte nicht gegen die Pracht eines Bachschen Weihnachtsoratoriums bestehen. Erst später fand ich Gefallen an dem stillen, funkelnden Glanz der Weihnachtshistorie. Hier hören wir die Musik von Schütz als das „deutsche“ (diesen Begriff setze ich bewusst in Anführungszeichen) Äquivalent zum großen Meister der „Italianischen Manier“. Schütz’ Lebenszeit war wie kaum eine andere geprägt von Verwüstung, Leiden, Tod. (Die Rahel-Klage am Ende der Evangelistenpartie bringt das uns auf Intensivste nahe.) Direkt Sprache zum Klang zu entfalten, dazu eine Sprache, die nach landläufiger Meinung nur zum Skandieren und Befehlen taugt, das beherrschte Heinrich Schütz wie kein anderer. So war es immer in den vergangenen 30 Jahren mein Ziel, den „jugendbewegten“  (häufig deutsch-skandierten) Schütz in Musik mit Klang, Rhythmus, Drive, ja Swing zu verwandeln.

An alle Mitwirkenden heute den herzlichsten Dank für viele Jahre gemeinsamer Arbeit, besonders an Claudia Schwamm, Uta Reimerschmid und Christoph Saier in der Organisation sowie an die zwei (letzten)Vertreter der „ersten Stunde“: Dorothea Böhme-Mauder (Chor) und Heinz Schwamm (Orchester)                                               

Wolfgang Kelber