Musik von zwei Taufpaten
Wenn das
heutige Jubiläumskonzert Werke der beiden Namenspatrone der Ensembles enthält,
dann ist das weniger ein repräsentatives Programm für die letzten Jahrzehnte,
sondern eher eine Hommage an die Anfänge: Im Dezember 1977 sang ein kleiner
Chor (das spätere Heinrich Schütz Ensemble) in der Sollner Apostelkirche das
erste Konzert einer Reihe mit sämtlichen Motetten aus der „Geistlichen
Chormusik“ von Heinrich Schütz und im Oktober 1982 zum ersten Mal gemeinsam
mit einem Ensemble mit historischen Instrumenten die „Marienvesper“ von
Claudio Monteverdi. In jugendlichem Elan - und weil das Feld „Alte Musik“ in
München brach lag, konnte ich die illustren Namen Schütz und Monteverdi
beanspruchen.
Fraglos
war mir nicht klar, welcher Überlebenswille in diesen Unternehmen steckte. Die
25 bzw. 30 Jahre waren bestimmt von viel Pionierarbeit auf dem Feld der Alten
Musik, von Erfolgen, von Rückschlägen, offensichtlichem Unverständnis gegenüber
historischer Aufführungspraxis in der „Musikstadt München“ aber auch von
später Genugtuung, denn dieses mühsam beackerte Feld trägt nunmehr auch in München
allerorten ansehnliche Früchte.
Auch
wenn der Chor bis 1798 (Haydns „Schöpfung“) und das Orchester bis zu
Mozarts „Prager Sinfonie“ (1787) vorgestoßen ist, das Zentrum war immer die
Barockmusik und der Schwerpunkt lag lange Jahre auf der Musik von Johann
Sebastian Bach. Mit ca. 70 Kantaten, mehrmals den Passionen und der Messe in
h-moll und immer wieder dem „Hit“ Weihnachtsoratorium haben wir ein großes
Pensum abgeliefert. Die letzten Jahre waren dann beherrscht von unbekannten Händel-Oratorien.
Dennoch wurde nie die Musik der Namensgeber vergessen, so auch heute zum Jubiläum.
Was
trennt diese beiden, Monteverdi und Schütz, was ist verbindend?
In den Psalmen
verfahren sie in ganz unterschiedlicher Manier: Monteverdis konzertanter Stil
dominiert seine beiden Psalmvertonungen, wobei bei „Dixit Dominus“ eine
Vorliebe für bewegte Klangfächen auffällt. „Beatus vir“ hat mit den
ostinaten Bässen einen popularmusik-ähnlichen Charakter. Ganz anders Schütz
in reifem Alter (1662): trotz vieler konzertanter, melodisch moderner Elemente
ist die Gesamtanlage orientiert an der Technik der „cori spezzatti“, die er
in seiner Jugend in San Marco bei den Gabrielis kennen gelernt hatte. Meine
Instrumentierung entstand im Zuge der Beschäftigung und Vorbereitung des
gesamten „Opus Ultimum“ im Jahre 1986 und ist in den letzten Jahren etwas
verfeinert worden.
„Es
steh‘ Gott auf“, das
Geistliche Konzert aus Symphoniae Sacrae II ist dagegen das Beispiel für
die Verbindung der beiden Meister: Schütz zitiert Monteverdi gleich zwei Male:
zunächst mit einer Verarbeitung des Sogetto aus dem Madrigas „Armato il cor“
(Madrigalbuch VIII) und am Ende mit dem Ostinato des Madrigals „Zefiro torna“
(Scherzi Musicali ) (Nachdem die „Scherzi Musicali“ erst 1632 in Druck
erschienen, ist anzunehmen, dass Schütz die Ciacona „Zefiro torna“ auf
seiner Italienreise 1629 bei einer persönlichen Begegnung mit dem Kapellmeister
an San Marco kennenlernen konnte.) Im Vorwort des Druckes von 1647 beklagt Schütz
die „wiedriegen Zeiten in unserm lieben Vaterlande“ und die damit noch
verborgen gebliebene „heutige Italianische Manier .....(wodurch doch nach des
scharffsinnigen[!] Herrn Claudii Monteuerdens Meynung / in der Vorrede des
achten Buchs seyner Madrigal / die Music nunmehr zu ihrer entlichen
Vollkommenheit gelangt seyn soll)“. Die Drucklegung seiner unter diesem
Einfluss entstandenen Concerti seien durch die Wirren des 30-jährigen Krieges
verhindert worden. Und weiter: Wenn er Monteverdi zitiere, solle ihn das aber
nicht in Verdacht bringen, „mit frembden Federn meine Arbeit zu schmücken“
In einem
repräsentativen Querschnitt der Musik des Frühbarock darf nicht die grandiose
„Sonata“ aus Monteverdis Marienvesper fehlen: Das bis zu diesem
Zeitpunkt umfangreichste Instrumentalstück der Musikgeschichte, das auf geniale
Weise den Cantus firmus der Marienlitanei einschließt. Hier sind auf
exemplarische Weise die virtuosen Fähigkeiten der Instrumentalisten
dokumentiert und Monteverdi spielt genüsslich mit der damaligen Rivalität
zwischen Zinken und Geigen.
Schütz’
„Geistliche Chormusik“ hat im Repertoire des Heinrich Schütz Ensemble immer
eine herausragende Stellung gehabt, so soll „Die Himmel erzählen“
die wohl prächtigste Motette dieser Sammlung
heute auch hier den Kreis schließen, allerdings mit der Novität, dass
an den Stellen, wo Schütz „omnes“ vorschreibt, Instrumente die Chorstimmen
duplieren.
Mit der
„Weihnachtshistorie“ als Abschluss gehen wir wiederum in das Spätwerk
des sächsischen Kapellmeisters. Sie entstand vor 1664, dem Datum ihrer
Drucklegung. Hier findet man stilbildende Vorbilder für alle späteren
protestantischen Oratorienkompositionen: der typische „Style Recitativo“ des
Evangelisten, den Turbachor der Engel, dagegen aber auch noch den konzertanten
Charakter in den Intermedien. Programmatisch zeigt sich Schütz in der Auswahl
der mit-konzertierenden Instrumente: die zarten „Violette“ in der Begleitung
des Engels, die Flöten bei den Hirten, die Posau-nen mit den vier Bässen der
Hohenpriester, schließlich die Zinken (eigentlich Clarinen) als
Machtparaphernalie des Herodes.
Persönlich
hatte ich in jüngeren Jahren immer etwas Vorbehalte gegen dieses Werk. Es
konnte nicht gegen die Pracht eines Bachschen Weihnachtsoratoriums bestehen.
Erst später fand ich Gefallen an dem stillen, funkelnden Glanz der
Weihnachtshistorie. Hier hören wir die Musik von Schütz als das „deutsche“
(diesen Begriff setze ich bewusst in Anführungszeichen) Äquivalent zum großen
Meister der „Italianischen Manier“. Schütz’ Lebenszeit war wie kaum eine
andere geprägt von Verwüstung, Leiden, Tod. (Die Rahel-Klage am Ende der
Evangelistenpartie bringt das uns auf Intensivste nahe.) Direkt Sprache zum
Klang zu entfalten, dazu eine Sprache, die nach landläufiger Meinung nur zum
Skandieren und Befehlen taugt, das beherrschte Heinrich Schütz wie kein
anderer. So war es immer in den vergangenen 30 Jahren mein Ziel, den
„jugendbewegten“ (häufig
deutsch-skandierten) Schütz in Musik mit Klang, Rhythmus, Drive, ja Swing zu
verwandeln.
An alle Mitwirkenden heute den herzlichsten Dank
für viele Jahre gemeinsamer Arbeit, besonders an Claudia Schwamm, Uta
Reimerschmid und Christoph Saier in der Organisation sowie an die zwei (letzten)Vertreter
der „ersten Stunde“: Dorothea Böhme-Mauder (Chor) und Heinz Schwamm
(Orchester)
Wolfgang Kelber